Die Interviews in der Süddeutschen Zeitung sind ein Lesevergnügen am Wochenende.

Am Wochenende die Zeitung zu lesen, während die Finger allmählich druckerfarbenschwarz werden, gehört für mich zu den Highlights meines fossilen analogen Daseins.Das Rascheln der Zeitung, das erste Überfliegen über die neu aufgeblätterte Seite, die Bilder – all das ist digital nicht gegeben, in dieser gesamtheitlichen Form. Ich weiß es, da ich mit der Süddeutschen Zeitung die analoge Wochenend-Ausgabe und die digitale Vollausgabe abonniert habe.

Die analoge Filterblase

Nun kann man eine Ausgabe am Wochenende schnell durchblättern und die Artikel nach den Überschriften schnell einteilen in „Interessiert mich“ und „weg damit“! Und schafft sich so seine analoge Filterblase, ganz ohne Algorithmen, Facebook & Co. Nun gibt es Themen, die mich wirklich wenig interessieren, wie die neueste Mode, „stylishe Möbel“ oder „angesagte“ Lokalitäten. Lese ich meistens nicht und vermisse es auch nicht.

Die Interviews der Süddeutschen Zeitung offenbaren die Menschen hinter ihren Verdiensten

Und doch komme ich immer wieder dazu, auch solche Themen wahrzunehmen. Wie? Dazu betrete ich eine „Brücke“, die die SZ so wunderbar baut, so einladend gestaltet, dass es jedesmal eine Freude ist sie zu betreten. Am Ende steht die Freude, einen Menschen kennen gelernt zu haben und ein Erkenntnisgewinn. Die Rede ist von den Interviews. In jeder Ausgabe gibt es mindestens eines, entweder im Wirtschaftsteil zum Thema „Geld“, im Feuilleton mit Regisseuren und anderen Kulturschaffenden, im Gesellschaftsteil zum Beispiel mit Starköchen.

Das Interview mit Daniel Humm

Starköche sind nicht so mein Ding. Zu artifiziell ist das Ergebnis auf dem Teller, zu teuer die Kunst, zu byzantinisch das Gehabe in einem Sternelokal, als dass ich mich in diesem Biotop wohlfühlen könnte. Daniel Humm? Nie gehört! Der Schweizer Koch ist Weltspitze, gilt als „bester Koch der Welt.“ Das Interview, das Sacha Batthyany mit ihm führt (SZ vom 22./23.Juli 2017, Seite 60) zeigt zwei auf Augenhöhe, einen Reporter, der an dem Menschen, den er befragt, aufrichtig interessiert ist. Kein Versuch, mit der Frage schnell mal zu demonstrieren, was man so alles weiß! Kein Herunterleiern eines Fragenkatalogs, ohne wiederum auf die Antworten des Interviewten einzugehen.

Dann entstehen Augenblicke wie diese, die den Menschen in seiner Verletzlichkeit zeigen:

„… ich bin verschlossener als früher, weil alle, die in mein Leben treten, etwas von mir wollen. So bin ich ein wenig zum Einzelgänger mutiert. Ich habe nur wenig Freunde.“

Ein anderes Beispiel aus diesem Interview mit Daniel Humm? Der Koch erklärt, dass er ein eigenes Kreativteam unterhält, das ausprobiert, diskutiert, entwirft und verwirft.

„Alles wird fotografiert und wandert ins Archiv. Es kann ja sein, dass wir bei einem Gericht nicht weiterkommen und zwei Jahre später eine Lösung dafür finden.“ Worauf der Reporter sagt: „Sie sind verrückt.“

Ein Koch, der an die Segnungen eines Archivs glaubt. Der Sonntag ist ein guter!

(Hinweis: Das Interview ist noch nicht online. Die Süddeutsche Zeitung findet man im Netz hier: http://www.sueddeutsche.de)

Kommentar verfassen