Ex-Lieblingsmusik

Die Musik, die man mit 15 Jahren hörte, wird man immer mögen. Ob das stimmt?

Ansichten ändern sich, der Geschmack ändert sich. Und der musikalische Geschmack? Magst Du noch die alten Platten, die Du zwischen 12 und 16 immer und immer wieder gehört hast? Ich habe mal nachgehört.

Stompin' at the Savoy

Die erste Musik, an die ich mich erinnern kann, waren Songs von Frank Sinatra, Louis Armstrong, auch Big-Band-Jazz der Swing-Könige Benny Goodman oder Glenn Miller. Manches davon schätze ich heute noch, wahrscheinlich weil sie mich an fröhlich pfeifende oder singende Eltern erinnern. Musik war damals kein immer verfügbares Gut. Aber wenn es in die Ferien ging, dann wurde spätestens hinter Köln eine Kassette eingelegt und sogleich ertönte "Singin' in the rain" (was im Allgäu oft genug Realität wurde), "Sixteen tons" oder "New York, New York". Seltener gab es mal eine Kostprobe Klassik im Elternhaus zu hören: meist Arien zum Mitschmettern aus Verdi-Opern oder die Hits von Grieg, Mozart und Schubert...

Von Musik keinen Schimmer

Mit Musik hatte ich ansonsten nur wenig zu schaffen, draußen sein und rumstromern war eindeutig angesagter bei mir. Als die Kumpels am Gymnasium ihre bemalten Jeansjacken mit den Namen der angesagten Rockbands trugen, sagte mir das alles: gar nichts! Irgendwann, 1973 oder 1974, bekam ich dann mein erstes Radio und ab da hörte ich die Hitparade vom WDR oder AFN. Klar kenne ich die Songs aus dieser Zeit noch, aber mein Geschmack ging dann doch in eine andere Richtung. Nämlich in verschiendene...

Die glorreichen Sieben

Diese sieben Platten habe ich rauf und runter gehört. Wenn man das überfliegt, dominiert der "Art-Rock" oder "Progressive Rock", was echten Rockfans schon damals ein schmallippiges Schnaufen entlockte. Genesis, Wakeman, Hansson trafen mein Lebensgefühl voll ins Mark, mich faszinierte die "Erzählung" in den Stücken, die Klänge, die Banks, Wakeman und Hansson den Keyboards entlockten.

Bo Hansson: Lord of the Rings (1972)
Rick Wakeman: The six wifes of Henry VIII (1973)
Emerson, Lake & Palmer: Pictures at an Exhibition (1971)
Deodato: Prelude (1972)
Pink Floyd: Dark side of the Moon (1973)
Genesis: The Lamb lies down on Broadway (1974)
Ekseption: Trinity (1973)

Das Wiederhören

Pink Floyd (in geringen Mengen), Genesis (alles mit Peter Gabriel) und Deodato (die jazzig-funkigen Stücke) musste ich nicht wiederhören, die sind all die Zeit immer auf den Playlisten geblieben. Bo Hansson hat mir beim Wiederhören nicht mehr gefallen, damals war das die meistgespielte Platte überhaupt. Wakeman? Nein, das ist heute nichts mehr für mich. Ekseption (das war eine niederländische Gruppe, die klassische "Hits" adaptierten) - nee, erledigt und vergessen, obwohl sie mir die Musik von Bach nähergebracht haben. Denn irgendwann wollte ich die Originale hören. ELP ist nicht mehr auf der Playlist, aber die Platte ist trotzdem großartig.

Fazit

Das meiste hat überdauert, mein Geschmack war nicht so übel. Waren damals Stimmen in der Musik für mich absolut unwichtig, so ist die Stimme für mich heute ausschlaggebend. Tom Waits, Giant Sand, Calexico, auch Mark Knopfler und vor allem Johnny Cash, Nick Cave und die Eels sind in die erste Reihe vorgerückt, um einige zu nennen; bei den Frauen sind es die unvergleichliche Kate Bush, Lou Doillon, Zaz, Kati Melua, Adele und Carla Bruni. Deodato hat mir den Weg in den Cool Jazz und den Bebop gezeigt und die Welten des Jazzrock erschlossen. Und immer ein Ding für sich waren Ludwig Hirsch, Georg Danzer und Hubert von Goisern. Und natürlich Jimi Hendrix. Der hat übrigens bei einem Besuc in Schweden mal eine Session mit dem Bo Hansson gespielt, der ganz oben auf meiner Liste stand.

Neuere Sachen? Höre ich gern, aber bei den meisten Stücken bleibe ich nicht länger. Dazu passen die beiden Fundstücke, die ich unten angehängt habe, über die Prägung von Musik und Affekt in der Pubertät und über Musik bei Alzheimer-Patienten.

Mehr im Web
Der Spiegel: Musik und Alzheimer
New York Times: Lieblingslieder - Eine Untersuchung anhand von Daten von Spotify-Nutzern