Der letzte Mohikaner

Ein Buch über edle und teuflische Indianer…

2013 kam eine Neu-Übersetzung dieses Werkes heraus, die sich sehr am Original orientierte. Die Besprechungen waren sehr wohlwollend, euphorisch, von einer Wiederentdeckung, ja von einer Neuentdeckung war die Rede:

„Karen Lauers Neuübersetzung bringt einen gänzlich unbekannten Lederstrumpf auf die Bühne…Eine wirkliche Neuentdeckung.“ Raoul Schrott

Buchcover "Der letzte Mohikaner" Quelle: Hanser Verlag
Buchcover „Der letzte Mohikaner“ Quelle: Hanser Verlag

Auf einmal fiel mir wieder alles ein, was ich als Junge so gierig gelesen hatte. Von den Engländern und den Franzosen, die im Osten Amerikas um die Vorherrschaft kämpften, von Lederstrumpf und seinen beiden Indianer-Freunden, die ihm beistehen bei dem Versuch, zwei – natürlich bildhübsche – junge Frauen aus den Fängen der wilden Huronen zu retten. Und am Ende der Tod des jungen Mohikaners, des letzten, dessen Namen ich aber nicht mehr wusste.

Das Buch kam auf die Liste. Der Wunsch es zu besitzen, wurde wegen vieler anderer Bücher, die ich ebenfalls lesen wollte, nach hinten durchgereicht. Aber so ist das, jedes Buch hat bei mir seine Zeit. Jetzt endlich habe ich den Band gelesen. Es ist mit knapp 35 Euro teuer, zumal der Autor hier kein Honorar mehr bekommen wird. Doch die Aufmachung (Leineneinband, Dünndruckpapier, schöner Satz) rechtfertigt den Preis, und die Übersetzung ist jeden Euro wert.

Was Uncas sagte, wurde ebenso aufmerksam angehört wie die Worte, die der reiferen Weisheit seines Vaters entsprangen; und statt die leiseste Ungeduld zu zeigen, setzte keiner von ihnen zu einer Entgegnung an, ohne erst eine Weile in stiller Versunkenheit, zumindest dem Anschein nach, über das bereits Gesagte nachzusinnen.

Die Zeit und die Hintergründe des Buches

Das Buch behandelt eine Episode zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs zwischen Franzosen und Engländern. Es ging um den Besitz der Kolonien in Nordamerika, also um Geld, Ressourcen und geostrategischen Einfluss. An der Seite der Europäer und der Siedler kämpften verschiedene Indianervölker. Am 9. August 1757 eroberten die Franzosen Fort William Henry am Lake George. Der vereinbarten freie Abzug der Briten gefiel den Indianern nicht, sie griffen an und metzelten nieder, was sich bewegte, das Ereignis ging als „Fort-William-Henry-Massaker“ in die Geschichte ein. Die von Zeitgenossen behaupteten 1500 Tote erwiesen sich aber als maßlos aufgebauscht, heute nimmt man an, dass bis zu 150 Menschen den Angriff nicht überlebt haben.

Das Buch ist eine Empfehlung wert

Die Situation im Buch ist komplex. Engländer gegen Franzosen, jede der Nationen unterstützt von unterschiedlichen Indianerstämmen, die wiederum ihre eigene Geschichte haben, die vom Autor im Vorwort auch ein wenig erklärt werden. Auch der Held Nathaniel (Natty) Bumpo heißt teils Falkenauge, Lange Büchse (La Longue Carabine), Wildtöter oder eben Lederstrumpf. Das scheint übrigens eine Bezeichnung der Indianer für Lederstiefel tragende Weiße gewesen zu sein.

Die Sprache ist altertümlich, von flotten modernen Übertragungen hat die Übersetzerin abgesehen. Das finde ich fantastisch und nach kurzer Eingewöhnung taucht man ganz in diesen melodiösen Sprachstil ein. Die Sätze sind lang, mit Einschüben versehen und manchen Satz liest man zweimal. Macht nichts, wo steht denn, dass ein Buch nicht auch ein wenig Mühe wert sein sollte.

Und Lederstrumpf? Der Held der Jugendtage (eigentlich nur übertroffen von Tecumseh)? Der hat dank des Buches ein gehöriges Stück seines Glanzes verloren. Seine penetrante und nur aus der damaligen geschichtlichen Situation zu verstehende Äußerung, dass er „reinen und unvermischten Blutes“ sei, geht einem ein wenig auf die Nerven. Man kann sich halt beim Lesen nicht völlig frei machen von der eigenen Zeit. Auch quasselt Lederstrumpf ziemlich viel und ist bei weitem kein unfehlbarer Schütze. Uncas dagegen und Chingachgook, die große Schlange sind wahrhaft edle Menschen. Aber eben auch die letzten ihrer Art.

Die Helden sind auch nur Menschen

Ein paar Jahrzehnte nach der ersten Lektüre fällt mir auf, dass die „Übertragung für die Jugend“ wie ein Weichzeichner wirkt. Alles wird glatt, das Edle noch edler, das Wilde noch wilder. Kanten und Ecken werden glatt geschliffen. Die Jugendversion vermag Jungen vielleicht zu fesseln, dem Werk aber wird damit Gewalt angetan.

Weniger überraschend ist, dass die damalige geschichtliche Situation heute viel mehr interessiert als damals. Man möchte nach dem „Mohikaner“ mehr lesen über den Siebenjährigen Krieg, der in Europa ebenso wie in Amerika tobte. Spannend ist aber auch, wenn Cooper über die Gewalt spricht, mit der die Siedler die Natur ausgebeutet haben. Die Natur hat in diesem Werk ihren eigenen Wert, sie ist nicht nur Kulisse für’s Anschleichen der „Rothäute“. Das Bedauern des Autors über verschwundene Urwälder klingt sehr modern.

 

 

Hörenswert: Die Übersetzerin erklärt das Werk von Cooper

Im Schweizer Rundfunk (SRF2) sprach ein Redakteur mit der Übersetzerin, Karen Lauer, über das Werk, seine Wirkung und einige Stellen, die den heutigen Leser doch irritieren.

 

Links
 James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner. Übersetzt von Karen Lauer. Carl Hanser Verlag. Dort auch eine mickrige Leseprobe.

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