Allgemein, Unterwegs

Fledermäuse im Museum

Was haben Fledermäuse mit einer Kunstausstellung zu tun? Die Tiere mit dem siebten Sinn können herhalten für eine Analogie, die uns hilft, Museumsbesucher zu beschreiben. Denn wie die Säuger im Flug Ultraschall aussenden, um sich in der Dunkelheit zu orientieren, so tun dies einige Museumsbesucher im schummerigen Licht der Ausstellungshalle auch. Aber sie tun dies mit ganz unterschiedlichem Ziel. Drei Beispiele, Wien, wenige Tage vor Ende der Bruegel-Ausstellung.

Werke, Werken und Betrachten - in einem Saal des Kunsthistorischen Museums Wien
Werke, Werken und Betrachten

Museumsbesucher Eins sendet Echowellen, empfängt aber keine

Der Museumsbesucher Eins ist schmuddelig gekleidet, viel zu weites altes Sakko, ebenso die Hose. Schuhe, die nicht dazu passen, die Haare aufgelöst und ohne Form und lang, in fettigen Strähnen. Der Schritt zielstrebig, der Raum wird schnell durchmessen, der Blick nach innen gewandt. Erster Gedanke: Genialer Professor, der noch schnell ein Detail in der Ausführung der „Dulle Greete“ überprüfen muss. Der Pinselstrich, die Farbgebung, irgendein Detail, dessen Faszination uns immer entgehen wird, weil wir nicht erleuchtet sind. Dieser Mann sendet wie eine Fledermaus Ultraschall aus, das zurück kommende Echo allerdings interessiert ihn nicht. Sein Ultraschall ist wie eine Fanfare an die Übrigen: Seht her, nehmt mich wahr, erstarrt in Ehrfurcht. Er umfliegt keine Hindernisse, die Hindernisse räumen den Weg frei. Die Umgebung übt keinerlei Wirkung auf Museumsbesucher Eins aus, statt dessen schafft er es, das alles sich zu ihm ausrichtet, wie magnetische Nadeln zum Pol. Nummer Eins ist leicht zu erkennen, weil ihn ständig irgendwelche dienstbaren Sekundärfledermäuse umflattern.

Museumsbesucher Zwei sendet nicht und empfängt nicht

Museumsbesucher Zwei verfügt über keinen Ultraschall. Er verfügt auch über keine Möglichkeit, Echowellen zu orten und seine Position im Raum anzupassen. Nummer Zwei hat eine Eintrittskarte gekauft und diese ist wie eine Lizenz zum brachialen „Flug“ durch Raum und Zeit. Im Uhrzeigersinn bewegt sich die Menge durch den Raum, betrachtet die Bilder, lässt den Vorderleuten, wenn auch grummelnd, genügend Zeit, die Bilder zu betrachten. Nicht so Nummer Zwei, sie kommt von rechts, von hinten, schiebt sich dazwischen, um die Beschreibung zu lesen, das Bild zu betrachten, um dann wie ein Pflug seinen Gegenweg weiterzugehen. Besucher Zwei nimmt nichts wahr, die ungeschriebene Regel der Ausstellungsdidaktiker ebensowenig wie den Unmut der anderen Besucher. Nummer Zwei kennt nur eine Position im Raum, nämlich seine jetzige und die nächste. Die Verbindung dazwischen ist eine Gerade. Nummer Zwei ist auch an Hotelbüffets gefürchtet. Nummer Zwei verlässt die Ausstellung in dem Bewusstsein, bei der nächsten Studiosus-Gesellschaftsreise eine ganze Menge erzählen zu können.

Museumsbesucher Drei empfängt ständig

Besucher Drei verfügt über Echoortung, nicht aber über die Möglichkeit, Ultraschall auszusenden. Er wird nicht wahrgenommen und ist stets beschäftigt, sich selbst, seinen Standort und seine Bewegung im Raum zu überprüfen. Besucher Drei vermeidet durch geschickte Triangulation jeden Zusammenstoß, das Vorausberechnen von Wegen ist ihm ins Blut übergegangen. Gestalten wie Besucher Eins und Besucher Zwei können ihn nicht überraschen. Aber sie können ihn bis aufs Blut reizen. Besucher Drei ist kaum in der Lage, die Bilder in der Ausstellung zur Kenntnis zu nehmen, weil er ständig den Besucher-Zwei-Typen aus dem Weg gehen muss. Hat beispielsweise ein Besucher Zwei ein Bild zur Genüge betrachtet, tritt er unvermittelt einen Schritt zurück. Und dabei Besucher Drei auf den Fuß. Der beendet den Besuch der Ausstellung mit dem Seufzer, sich diesen Tort nicht mehr anzutun.

Man könnte Ausstellungsbesucher noch auf andere Arten beschreiben. Beseelter Gesichtsausdruck? Neigt zu Ausrufen vor den Bildern? Muss alles fotografieren, aber nichts betrachten? Kommentiert ständig, bevorzugt in Richtung seiner Frau? Raffiniert sind die, die nicht vor der großen Attraktion stehen, sondern sich statt dessen einer unscheinbaren Zeichnung widmen, die alle links liegen lassen. Das beweist Kennerschaft und die Dreier, die diese Verhaltensabweichung sehr genau bemerkt haben, schauen sich diese Zeichnung jetzt auch an.